Über Jahrzehnte gehörte der Quelle-Katalog für Millionen Deutsche beinahe selbstverständlich zum Haushalt. Kleidung, Möbel, Fernseher, Waschmaschinen, Spielzeug und sogar Fertighäuser konnten über Quelle bestellt werden. Aus einem kleinen Fürther Versandgeschäft entwickelte sich eines der größten Versandhäuser Europas.
Doch die Geschichte von Quelle ist nicht nur eine Geschichte des wirtschaftlichen Aufstiegs. Sie führt durch Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus, das deutsche Wirtschaftswunder und die Wiedervereinigung bis hin zum Aufkommen des Internets. Am Ende stand 2009 eine der spektakulärsten Pleiten der deutschen Handelsgeschichte.
Die Gründung von Quelle
Die Geschichte beginnt im fränkischen Fürth. Gustav Schickedanz hatte bereits 1922 einen Großhandel für Kurz- und Wollwaren gegründet. Am 11. November 1927 ließ er schließlich das „Versandhaus Quelle“ ins Handelsregister eintragen.
Die Geschäftsidee war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Waren sollten möglichst direkt vom Hersteller an den Kunden gelangen. Durch den Verzicht auf Zwischenhändler konnte Quelle seine Produkte vergleichsweise günstig anbieten.
Anfangs konzentrierte sich Schickedanz vor allem auf Wolle, Stoffe und Artikel des täglichen Bedarfs. Besonders erfolgreich wurde die sogenannte „Dukatenwolle“. Die Bestellungen wurden per Post verschickt – zunächst in einem Umfang, bei dem ein kleiner Handwagen ausreichte, um die Pakete zur Post zu bringen.
Doch das Unternehmen wuchs schnell.
Wachstum trotz Weltwirtschaftskrise
Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre verloren viele Menschen Einkommen und Ersparnisse. Gerade in dieser Situation erwies sich das Geschäftsmodell von Quelle als erfolgreich.
Preiswerte Waren, die direkt nach Hause bestellt werden konnten, trafen den Bedarf vieler Haushalte. Bereits 1932 verfügte Quelle über rund 250.000 Kundenadressen und beschäftigte etwa 100 Menschen. In Fürth wurde ein größeres Betriebsgelände erworben.
Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich das Unternehmen zu einem bedeutenden Versandhändler.
Quelle während des Nationalsozialismus
Ein schwieriges Kapitel der Unternehmensgeschichte ist die Zeit des Nationalsozialismus.
Gustav Schickedanz trat bereits 1932 der NSDAP bei. Während der NS-Zeit konnte er sein Firmenimperium erheblich vergrößern und profitierte dabei auch von der sogenannten „Arisierung“ jüdischer Unternehmen. Unter anderem gelangten die Vereinigten Papierwerke in seinen Einflussbereich, zu denen die später besonders bekannte Marke Tempo gehörte.
Gleichzeitig wuchs das Versandhaus weiter. 1936 verfügte Quelle bereits über rund eine Million Kunden. 1938 erreichte das Unternehmen einen Umsatz von etwa 40 Millionen Reichsmark. Kurz vor beziehungsweise zu Beginn des Zweiten Weltkriegs befanden sich schließlich rund zwei Millionen Kunden in der Kartei des Unternehmens.
Der Krieg beendete diesen Aufstieg zunächst. Waren wurden knapper und der Versandhandel zunehmend eingeschränkt. Im August 1943 wurden Quelle-Gebäude bei einem Luftangriff schwer beschädigt.
Auch Zwangsarbeiter wurden während des Krieges bei Quelle beziehungsweise Unternehmen aus dem Firmenverbund eingesetzt.
Der schwierige Neubeginn nach 1945
Nach Kriegsende stand Quelle praktisch vor einem Neuanfang.
Gustav Schickedanz durfte aufgrund seiner Verbindungen zum NS-Regime zunächst nicht als Unternehmer tätig sein. Während seines Berufsverbots spielte seine Frau Grete Schickedanz eine wichtige Rolle bei der Fortführung der Geschäfte. 1949 wurde Gustav Schickedanz schließlich als „Mitläufer“ eingestuft und konnte wieder unternehmerisch tätig werden.
Bereits zuvor hatte Quelle damit begonnen, den Versandhandel wieder aufzubauen. Die Nachfrage war enorm. Viele Menschen hatten während des Krieges große Teile ihres Besitzes verloren und benötigten Kleidung, Haushaltswaren und andere Alltagsgegenstände.
Quelle bot genau diese Produkte zu vergleichsweise günstigen Preisen an.
1952 verfügte das Unternehmen wieder über rund eine Million Kundenadressen. Der Wiederaufstieg war gelungen.
Quelle und das deutsche Wirtschaftswunder
Die 1950er- und 1960er-Jahre wurden zur großen Blütezeit des Unternehmens.
1954 begann der Bau des riesigen Quelle-Versandzentrums an der Fürther Straße in Nürnberg. Von hier aus sollten später täglich gewaltige Mengen an Paketen in die gesamte Bundesrepublik verschickt werden.
Der Quelle-Katalog entwickelte sich währenddessen zu einem Symbol des Wirtschaftswunders.
Was früher für viele Familien unerschwinglicher Luxus gewesen war, wurde plötzlich erreichbar: Kühlschränke, Waschmaschinen, Radios, Fernseher, Möbel und modische Kleidung konnten bequem von zu Hause bestellt werden.
1957 verschickte Quelle bereits rund fünf Millionen Pakete. Etwa 8.000 Menschen arbeiteten für das Unternehmen. Ein Jahr später erzielte Quelle einen Umsatz von mehr als 400 Millionen D-Mark und war damit das größte Versandhaus Deutschlands.
1961 überschritt der Umsatz erstmals die Grenze von einer Milliarde D-Mark.
Doch Quelle verkaufte längst nicht mehr nur Kleidung und Haushaltswaren.
Vom Fotoapparat bis zum Fertighaus
Einer der Gründe für den Erfolg von Quelle war die enorme Vielfalt des Angebots.
Neben dem großen Hauptkatalog entstanden zahlreiche Spezialangebote. Über Foto-Quelle wurden Kameras und Zubehör verkauft. Ab 1962 vermittelte Quelle sogar Urlaubsreisen.
Besonders außergewöhnlich war ein weiteres Angebot: Kunden konnten über Quelle komplette Fertighäuser bestellen.
1964 übernahm Quelle außerdem den Versandhauskonkurrenten Schöpflin mehrheitlich und baute seine Stellung auf dem europäischen Versandhandelsmarkt weiter aus. Mitte der 1960er-Jahre beschäftigte die Unternehmensgruppe bereits Zehntausende Menschen.
Quelle war inzwischen weit mehr als ein Versandhaus. Rund um die Familie Schickedanz war ein Firmenimperium entstanden, das unter anderem Beteiligungen in Handel, Papierindustrie und Brauereiwesen umfasste.
Eine deutsche Institution
In den 1970er-Jahren erreichte Quelle eine gesellschaftliche Bedeutung, die heute nur noch schwer vorstellbar ist.
Der dicke Hauptkatalog lag in Millionen Haushalten. Für viele Familien war sein Erscheinen ein kleines Ereignis. Kinder blätterten durch die Spielzeugseiten, während Erwachsene Möbel, Kleidung oder Elektrogeräte verglichen.
Quelle war gewissermaßen das Internet-Shopping seiner Zeit.
1974 erzielte die Unternehmensgruppe bereits einen Gesamtumsatz von mehr als sechs Milliarden D-Mark. Gleichzeitig entstanden immer neue Spezialkataloge und Geschäftsbereiche.
Doch 1977 endete eine Ära.
Im Alter von 82 Jahren starb Unternehmensgründer Gustav Schickedanz. Die Leitung des Familienimperiums ging unter anderem auf seine Frau Grete sowie weitere Familienmitglieder über.
Quelle bestand zu diesem Zeitpunkt längst aus einem Geflecht zahlreicher Unternehmen. Allein in Deutschland betrieb das Unternehmen außerdem 25 Quelle-Kaufhäuser.
Quelle in den 1980er-Jahren
Nach Jahrzehnten nahezu ununterbrochenen Wachstums wurde das Geschäft schwieriger.
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen veränderten sich, neue Konkurrenten entstanden und der deutsche Einzelhandel wandelte sich. Quelle blieb dennoch einer der wichtigsten Namen im deutschen Versandgeschäft.
Besonders bedeutend wurde schließlich der Fall der Berliner Mauer.
Mit der Öffnung der DDR entstand praktisch über Nacht ein riesiger neuer Markt. Westdeutsche Konsumgüter waren gefragt – und Quelle konnte Millionen potenzieller Neukunden erreichen.
1990 erschien der erste gesamtdeutsche Quelle-Katalog. Gleichzeitig begann das Unternehmen mit dem Aufbau von Quelle-Shops in den neuen Bundesländern.

Der Beginn des Internetzeitalters
Mitte der 1990er-Jahre stand Quelle erneut vor einem grundlegenden Wandel.
Das Internet begann langsam, die Art und Weise zu verändern, wie Menschen einkauften. Quelle erkannte diese Entwicklung durchaus früh. Bereits 1995 ging das Unternehmen als einer der ersten großen deutschen Versandhändler online. Im selben Jahr wurde außerdem ein großes Versandzentrum in Leipzig-Mockau fertiggestellt.
Doch ein früher Einstieg ins Internet bedeutete noch lange nicht, dass der traditionelle Versandhändler auch konsequent zum modernen Onlineunternehmen umgebaut wurde.
Die jahrzehntelang erfolgreichen Strukturen mit riesigen Katalogauflagen, Versandzentren und einem entsprechend großen Verwaltungsapparat wurden zunehmend zu einer Belastung.
Gleichzeitig rückte Quelle immer näher an einen anderen deutschen Handelsriesen heran: Karstadt.
Aus Karstadt und Quelle wird KarstadtQuelle
1999 kam es schließlich zum Zusammenschluss.
Quelle und der Warenhauskonzern Karstadt wurden Teil der neuen KarstadtQuelle AG. Es entstand ein Handels- und Dienstleistungskonzern mit rund 116.000 Beschäftigten weltweit und einem Jahresumsatz von ungefähr 17 Milliarden Euro.
Auf dem Papier entstand damit einer der mächtigsten Handelskonzerne Europas.
Doch die Verbindung zweier traditionsreicher Unternehmen löste deren grundlegende Probleme nicht.
Karstadt kämpfte mit seinen großen Warenhäusern und hohen Kosten. Quelle wiederum musste sich gegen eine völlig neue Generation von Onlinehändlern behaupten.
In den folgenden Jahren begann ein komplizierter Konzernumbau. Beteiligungen wurden verkauft, Immobiliengeschäfte abgeschlossen und Unternehmensteile abgestoßen. Unter anderem trennte sich der Konzern von Neckermann und investierte stärker in das Reisegeschäft rund um Thomas Cook.
2007 verschwand schließlich auch der Name KarstadtQuelle von der Konzernspitze.
Die Holding wurde in Arcandor AG umbenannt. Die Marken Karstadt und Quelle blieben für die jeweiligen Handelsgeschäfte jedoch bestehen.
Der Kampf ums Überleben
Während der Onlinehandel immer bedeutender wurde, verlor das klassische Kataloggeschäft weiter an Bedeutung.
Quelle besaß zwar einen eigenen Onlineshop, schleppte gleichzeitig jedoch die Strukturen eines jahrzehntelang auf Katalog und Massenauslieferung ausgerichteten Unternehmens mit sich.
Hinzu kamen die Probleme des gesamten Arcandor-Konzerns.
Anfang 2009 waren dessen finanzielle Schwierigkeiten kaum noch zu übersehen. Der Konzern hatte Milliardenverbindlichkeiten und musste gleichzeitig hohe Mietzahlungen für ehemals eigene Immobilien leisten.
Arcandor versuchte, staatliche Unterstützung zu erhalten.
Doch die erhoffte Rettung kam nicht.
Die Insolvenz von 2009
Am 9. Juni 2009 meldete Arcandor Insolvenz an. Davon war auch Quelle betroffen.
Zunächst bestand noch Hoffnung, für den Versandhändler einen Investor zu finden. Quelle war schließlich weiterhin eine der bekanntesten Marken Deutschlands und verfügte über Millionen Kunden.
Doch die Suche blieb erfolglos.
Im Herbst 2009 wurde schließlich bekannt gegeben, dass Quelle abgewickelt werden sollte.
Für die Beschäftigten in Nürnberg und Fürth war dies ein schwerer Schlag. Quelle war dort nicht einfach irgendein Unternehmen gewesen. Generationen von Familien hatten für den Konzern gearbeitet und das riesige Versandzentrum gehörte seit Jahrzehnten zum Stadtbild.
Nach mehr als 80 Jahren endete damit der Versandhandel von Quelle.
Was von Quelle geblieben ist
Ganz verschwunden ist der Name allerdings nicht.
Nach der Insolvenz wurden Markenrechte verkauft. Die Marke Quelle gelangte schließlich zum Hamburger Versandhandelskonzern Otto.
Damit hatte ausgerechnet ein jahrzehntelanger Konkurrent einen der bekanntesten Namen des deutschen Versandhandels übernommen.
Das ehemalige Quelle-Versandzentrum in Nürnberg blieb unterdessen als gewaltiges Denkmal dieser Epoche erhalten. Der riesige Gebäudekomplex erinnert bis heute daran, welche Dimensionen das Unternehmen einst erreicht hatte.
Vor allem aber lebt Quelle in der Erinnerung vieler Menschen weiter.
Der Quelle-Katalog gehörte über Jahrzehnte zum Alltag der Bundesrepublik. Lange bevor Onlineshops rund um die Uhr Millionen Produkte verfügbar machten, brachte Quelle ein Warenhaus praktisch direkt ins Wohnzimmer.
Vom Handwagen zum Millionenversand
Die Geschichte von Quelle erzählt deshalb auch ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte.
1927 begann Gustav Schickedanz mit einem kleinen Versandunternehmen in Fürth. Wenige Jahrzehnte später verschickte Quelle Millionen Pakete, beschäftigte Zehntausende Menschen und gehörte zu den größten Versandhäusern Europas.
Das Unternehmen überstand Weltwirtschaftskrise, Krieg und Zerstörung und wurde anschließend zu einem der großen Gewinner des deutschen Wirtschaftswunders.
Doch ausgerechnet die nächste Revolution des Versandhandels wurde Quelle schließlich zum Verhängnis.
Denn das Internet machte genau das noch schneller und bequemer, womit Quelle einst selbst groß geworden war: Waren direkt zum Kunden nach Hause zu bringen.
2009 verschwand das traditionelle Versandhaus.
Der Name Quelle aber steht bis heute für eine Zeit, in der man nicht durch einen Onlineshop scrollte – sondern einen mehrere Kilogramm schweren Katalog auf den Wohnzimmertisch legte und darin die Welt des Konsums entdeckte.


Schreibe einen Kommentar