„Sparen – Goldin fahren!“ Mit diesem Werbespruch wurde die Tankstellenmarke Goldin im Ruhrgebiet und darüber hinaus bekannt. Erhard Goldbach, ein ehemaliger Kohlenhändler aus Wanne-Eickel, versprach Autofahrern vor allem eines: Benzin sollte bei ihm dauerhaft billiger sein als bei den großen Mineralölkonzernen.
Was zunächst wie die Erfolgsgeschichte eines geschickten Unternehmers aussah, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einem der spektakulärsten Wirtschafts- und Steuerskandale der Bundesrepublik. Ende der 1970er-Jahre brach das Goldin-Imperium zusammen. Zurück blieben Hunderte Tankstellen, enorme Steuerschulden und ein Fall, der bis heute mit der Frage verbunden ist, wie ein solches Geschäftsmodell so lange funktionieren konnte.
Vom Kohlenhändler zum Tankstellenunternehmer
Erhard Goldbach wurde 1928 geboren und begann seine berufliche Laufbahn im Kohlenhandel in Wanne-Eickel. 1956 stieg er in das Tankstellengeschäft ein und gründete eine freie Tankstelle. Daraus entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten die Marke Goldin.
Goldbach setzte auf ein einfaches, für Autofahrer attraktives Prinzip: seine Tankstellen sollten günstiger sein als die Stationen der großen Mineralölgesellschaften. Besonders in den 1970er-Jahren wurde daraus ein ausgesprochen aggressiver Preiskampf. Goldbachs Tankstellen lagen häufig etwa zwei Pfennig pro Liter unter den Preisen der Konkurrenz.
Der Erfolg war enorm. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre verfügte Goldin über mehr als 250 Tankstellen und gehörte damit zu den größten freien Tankstellenketten der Bundesrepublik. Zeitgenössische Berichte sprechen von rund 230 Stationen, während spätere Darstellungen teilweise von mehr als 260 ausgehen.
Goldbach wurde im Ruhrgebiet geradezu zu einer lokalen Unternehmerpersönlichkeit. Er trat als Mäzen auf, unterstützte den Fußballverein Westfalia Herne und nutzte seinen wirtschaftlichen Erfolg, um gesellschaftlichen Einfluss aufzubauen.
Das Erfolgsmodell geriet ins Wanken

Hinter dem enormen Wachstum verbarg sich allerdings ein immer größeres finanzielles Problem.
Der Ölmarkt veränderte sich in den 1970er-Jahren erheblich. Besonders nach der Ölkrise stiegen die Einkaufspreise für Mineralölprodukte. Während andere Tankstellen ihre Preise erhöhen mussten, hielt Goldbach an seiner Niedrigpreisstrategie fest.
Zeitgenössische Berichte beschrieben die Situation bereits 1979 als problematisch: Goldbach verkaufte den Treibstoff teilweise unter seinen eigenen Einkaufskosten und versuchte, die dadurch entstehenden Verluste über hohe Umsätze auszugleichen.
Das Geschäftsmodell funktionierte damit zunehmend nur noch bei ständigem Wachstum. Neue Tankstellen und hohe Umsätze konnten kurzfristig Liquidität schaffen, während gleichzeitig die finanziellen Verpflichtungen weiter anwuchsen.
Nach späteren Rekonstruktionen stieg der Umsatz der Goldin-Gruppe von rund 162 Millionen DM im Jahr 1973 auf etwa zwei Milliarden DM im Jahr 1978. Gleichzeitig entstanden Steuerschulden in dreistelliger Millionenhöhe.
Der Kern des Skandals: unversteuertes Benzin und Steuerschulden
Der entscheidende Punkt des späteren Skandals waren jedoch nicht allein die Verluste aus dem Tankstellengeschäft.
Den Ermittlungen zufolge wurden erhebliche Mengen Kraftstoff nicht ordnungsgemäß versteuert. Hinzu kamen Unregelmäßigkeiten bei der Buchführung und weitere Vorgänge, die schließlich zu Strafverfahren gegen Goldbach führten. Die spätere Berichterstattung spricht von einem Steuerschaden von mehr als 300 Millionen DM; häufig wird eine Summe von etwa 345 bis 360 Millionen DM genannt.
Bemerkenswert ist, dass die Behörden offenbar schon Jahre vor dem Zusammenbruch Zweifel an der Geschäftspraxis hatten. Bereits 1974 bestanden nach späteren Darstellungen erhebliche Bedenken hinsichtlich der Buchführung. Trotzdem konnte das Unternehmen weiter expandieren.
Gerade dieser Aspekt machte den Fall später so brisant: Es ging nicht nur um die Machenschaften eines einzelnen Unternehmers, sondern auch um die Frage, weshalb staatliche Stellen trotz vorhandener Hinweise nicht früher konsequent eingegriffen hatten.
Goldbach und die Politik
Goldbach pflegte Kontakte in die Politik und zu einflussreichen Personen. In späteren Darstellungen wird insbesondere der frühere Bundestagsabgeordnete Karl Krammig genannt, der für Goldbach als Berater tätig war und dabei geholfen haben soll, Kontakte zu Behörden und politischen Stellen zu unterhalten.
Ende 1977 erhielt Goldbach zudem eine staatliche Bürgschaft für einen Kredit von 18 Millionen DM. Der Kredit sollte unter anderem der Finanzierung von Treibstoff dienen, der als staatliche Pflichtreserve vorgesehen war.
Gerade diese staatliche Unterstützung wurde nach dem Zusammenbruch zu einem besonders umstrittenen Teil der Goldin-Geschichte. Sie zeigt, wie sehr Goldbach zu diesem Zeitpunkt bereits als bedeutender Unternehmer wahrgenommen wurde – und wie schwierig es offenbar war, das Bild des erfolgreichen Geschäftsmannes mit den wachsenden Problemen seines Unternehmens in Einklang zu bringen.
Der Zusammenbruch im Sommer 1979
Im Juli 1979 kam es schließlich zum entscheidenden Einschnitt.
Eine unangekündigte Prüfung der Goldbach-Unternehmen durch Steuer- und Zollbehörden brachte die Probleme endgültig ans Licht. Die Versorgung des Tankstellennetzes brach zusammen, die Goldin-Stationen konnten nicht mehr wie gewohnt beliefert werden und das Unternehmen musste Insolvenz anmelden. Zeitgenössische Berichte vom August 1979 beschreiben, dass die Behörden das Tanklager schlossen und Goldbach damit die Grundlage für die weitere Belieferung seiner Tankstellen entzogen.
Das einst so mächtige Goldin-Netz verschwand innerhalb kürzester Zeit. Viele der Tankstellen wurden später von Pächtern oder anderen Mineralölgesellschaften übernommen.
Aus dem vermeintlichen „Robin Hood der Zapfsäule“ war innerhalb weniger Monate einer der bekanntesten Wirtschaftsstraftäter der Bundesrepublik geworden.
Goldbach auf der Flucht
Nach dem Zusammenbruch setzte sich Goldbach zunächst ins Ausland ab. Die deutschen Behörden fahndeten nach ihm; sein Fall wurde sogar in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY … ungelöst“ thematisiert.
Im Februar 1980 wurde Goldbach in Boppard festgenommen. Anschließend folgten mehrere Gerichtsverfahren.
1980 wurde er wegen Betrugs zu einer mehrjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. 1985 folgte eine weitere Verurteilung wegen Steuerhinterziehung, diesmal zu zwölf Jahren Haft. Die verschiedenen Verfahren und Urteile bilden heute den juristischen Kern der Goldbach-Affäre.
Goldbach verbrachte mehrere Jahre im Gefängnis und wurde später wieder entlassen. Er starb 2004.
Westfalia Herne und der Traum vom großen Fußball
Goldbachs Geschichte ist eng mit dem Fußball im Ruhrgebiet verbunden. Er unterstützte den traditionsreichen Verein Westfalia Herne finanziell und wurde zu dessen wichtigstem Mäzen.
Unter seiner Unterstützung gelang dem Verein der Aufstieg in die 2. Bundesliga. Zeitweise trug die Lizenzspielerabteilung sogar den Namen SC Westfalia Goldin 04 Herne.
Mit dem Zusammenbruch Goldbachs endete auch diese Ära. Westfalia Herne verlor seine finanzielle Grundlage und musste einen tiefen sportlichen und wirtschaftlichen Absturz verkraften.
Damit zeigt sich eine weitere Besonderheit des Goldin-Falls: Goldbach hatte nicht nur ein Tankstellenunternehmen aufgebaut. Er hatte in seiner Heimatregion ein ganzes Netzwerk aus Geschäft, Sport und gesellschaftlichem Einfluss geschaffen. Als sein Unternehmen zusammenbrach, waren deshalb weit mehr Menschen und Institutionen betroffen als nur seine Angestellten und Geschäftspartner.
Was wurde aus den Goldin-Tankstellen?
Nach der Insolvenz verschwand die Marke Goldin praktisch vollständig vom Markt. Die mehr als 250 Tankstellen wurden vielfach von anderen Unternehmen übernommen oder von den bisherigen Pächtern weitergeführt. Damit verschwanden zwar die gelben Goldin-Schilder, doch viele ehemalige Goldin-Standorte blieben dem Tankstellengeschäft erhalten.
Die Geschichte der Marke ist deshalb auch ein Stück Ruhrgebietsgeschichte: Aus einer regionalen Geschäftsidee war innerhalb von gut zwei Jahrzehnten ein riesiges Tankstellennetz entstanden – und innerhalb weniger Monate war dieses Imperium wieder verschwunden.
Ein Skandal, der bis heute Fragen aufwirft
Der Fall Goldin ist mehr als die Geschichte eines Unternehmers, der sich verspekulierte.
Er zeigt, wie ein Unternehmen durch aggressive Expansion, hohe Umsätze und günstige Preise lange erfolgreich wirken kann, obwohl seine finanzielle Grundlage bereits brüchig ist. Gleichzeitig wirft die Affäre Fragen nach der Kontrolle durch Behörden, nach politischen Kontakten und nach dem Umgang mit wirtschaftlich einflussreichen Unternehmern auf.
Besonders auffällig ist der zeitliche Ablauf: Schon Mitte der 1970er-Jahre gab es behördliche Zweifel an Goldbachs Geschäftspraktiken, dennoch konnte das Unternehmen weiter wachsen und erhielt sogar noch staatliche Unterstützung. Erst 1979 zerbrach das System endgültig.
Goldbach selbst nahm einen Teil des Geheimnisses über das verschwundene Geld mit ins Grab. Die Frage, wo sich erhebliche Teile der hinterzogenen Millionen befanden, beschäftigte Journalisten und Ermittler noch lange nach dem Ende der Goldin-Tankstellen.
Fazit
Die Geschichte von Goldin beginnt wie eine klassische Erfolgsgeschichte des Wirtschaftswunders: Ein Unternehmer aus dem Ruhrgebiet baut aus einer einzelnen Tankstelle ein riesiges Unternehmen auf und verspricht Autofahrern dauerhaft günstige Preise.
Doch hinter dem glänzenden Bild entstand ein immer komplizierteres Geflecht aus Schulden, unversteuerten Kraftstoffgeschäften, politischen Kontakten und aggressiver Expansion. 1979 kollabierte das System.
Erhard Goldbach wurde vom gefeierten Unternehmer zum Symbol eines der größten Steuer- und Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik. Die Marke Goldin verschwand, die Tankstellen wurden übernommen – doch im Ruhrgebiet blieb die Geschichte des „Ölkönigs von Wanne“ lebendig.
Noch Jahrzehnte später steht Goldin deshalb für eine bemerkenswerte Lektion der Wirtschaftsgeschichte: Große Umsätze sind nicht automatisch große Gewinne – und ein niedriger Preis an der Zapfsäule erzählt längst nicht die ganze Geschichte hinter einem Unternehmen.


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