Der 1. Juni 2016 hat sich tief in das Gedächtnis der Menschen im niederbayerischen Simbach am Inn eingebrannt. Innerhalb weniger Stunden verwandelte sich der normalerweise unscheinbare Simbach in einen reißenden Strom. Straßen verschwanden unter braunen Wassermassen, Autos wurden fortgerissen, Häuser überflutet und teilweise schwer beschädigt. Menschen mussten sich in obere Stockwerke und auf Dächer retten.
Doch die Katastrophe kam nicht völlig aus dem Nichts. Bereits in den Tagen zuvor hatte sich über Deutschland eine außergewöhnliche Unwetterlage entwickelt. Immer wieder entstanden heftige Gewitter, die sich teilweise kaum von der Stelle bewegten. Dadurch gingen innerhalb kurzer Zeit enorme Regenmengen über eng begrenzten Gebieten nieder.
Eine außergewöhnliche Unwetterlage über Deutschland
Ende Mai 2016 befand sich Deutschland in einer feuchtwarmen und äußerst labil geschichteten Luftmasse. Die Druckgegensätze waren gering, sodass sich Gewitterzellen teilweise nur sehr langsam verlagerten. Genau das machte die Situation so gefährlich.
Während ein gewöhnliches Gewitter nach einiger Zeit weiterzieht, konnten sich die Gewitter dieser Tage über einzelnen Regionen regelrecht festsetzen. Immer wieder fiel Starkregen auf dieselben Gebiete. Kleine Bäche schwollen innerhalb kürzester Zeit an, Wasser strömte von Feldern und Hängen in Ortschaften und aus unscheinbaren Gewässern wurden reißende Flüsse.
Der Deutsche Wetterdienst bezeichnete insbesondere den Zeitraum vom 26. Mai bis zum 8. Juni 2016 als eine Phase zahlreicher schwerer Unwetter. Charakteristisch waren die oftmals sehr lokal auftretenden und nahezu ortsfesten Starkregenereignisse. Die Folge waren Sturzfluten, die teilweise Gebiete trafen, in denen zuvor kaum mit einer solchen Hochwassergefahr gerechnet worden war.
Braunsbach – die erste große Katastrophe
Am Sonntag, dem 29. Mai 2016, zeigte sich erstmals auf dramatische Weise, welche Gewalt diese Wetterlage entwickeln konnte.
Besonders schwer traf es die kleine Gemeinde Braunsbach im Landkreis Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg. Innerhalb weniger Stunden gingen dort extreme Regenmengen nieder. Nach heutigen Radarauswertungen wurden in einem zwölfstündigen Zeitraum örtlich mehr als 120 Liter Regen pro Quadratmeter registriert.
Das Wasser sammelte sich auf den umliegenden Höhen und schoss durch die engen Täler des Orlacher Bachs und des Schlossbachs in Richtung Ortszentrum. Dabei riss die Flut Erde, Geröll, Baumstämme und anderes Material mit sich. Durch Verklausungen konnte sich das Wasser zeitweise aufstauen, ehe sich die Hindernisse lösten und zusätzliche Wassermassen talwärts schossen.
Innerhalb kürzester Zeit wurde das Zentrum von Braunsbach verwüstet. Fahrzeuge wurden mitgerissen, Straßen aufgerissen und Gebäude schwer beschädigt.
Auch andere Regionen Baden-Württembergs waren betroffen. Im Raum Schwäbisch Gmünd und Waldstetten sowie entlang des Kochertals kam es zu schweren Überschwemmungen. Allein im Ostalbkreis kamen zwei Menschen ums Leben.
Deutschland erlebte damit bereits Ende Mai eine Serie außergewöhnlicher Sturzfluten.
Doch nur wenige Tage später sollte sich rund 300 Kilometer weiter südöstlich eine noch verheerendere Katastrophe ereignen.
Der Regen erreicht Niederbayern
Während sich die Lage in Teilen Baden-Württembergs langsam beruhigte, blieb die Atmosphäre über Deutschland weiterhin äußerst instabil.
In der Nacht zum 1. Juni entwickelte sich über Niederbayern eine Gewitter- und Starkregenzone. Besonders betroffen war der südliche Landkreis Rottal-Inn unmittelbar an der österreichischen Grenze.
Über dem Einzugsgebiet des Simbachs entstand eine besonders ungünstige Situation: Die Niederschlagszelle bewegte sich kaum und brachte über viele Stunden hinweg immer neuen Regen.
Hinzu kam, dass die Böden durch die Niederschläge der vorhergehenden Tage bereits stark mit Wasser gesättigt waren. Sie konnten kaum noch zusätzliche Wassermengen aufnehmen.
Vom 31. Mai bis zum 1. Juni fielen im Einzugsgebiet des Simbachs rund 180 Liter Regen pro Quadratmeter. Spätere Untersuchungen ergaben je nach Mess- und Berechnungsmethode örtlich sogar noch höhere Werte. Ein erheblicher Teil dieses Wassers floss direkt an der Oberfläche ab.
Besonders verhängnisvoll war außerdem die Bewegung der Regenzelle. Sie verlagerte sich teilweise in dieselbe Richtung wie das Wasser in den Bächen – also in Richtung Simbach. Dadurch trafen immer neue Wassermassen auf jene Abflusswelle, die ohnehin bereits auf die Stadt zulief.
Eine äußerst ungünstige Verkettung von Umständen hatte begonnen.
Der Morgen des 1. Juni 2016
Zunächst deutete noch wenig darauf hin, welche Dimensionen das Hochwasser wenige Stunden später erreichen würde.
Um 8:40 Uhr wurde die Freiwillige Feuerwehr Simbach erstmals alarmiert. Vor einer Brücke hatten sich Bäume und Äste angesammelt. Es bestand die Gefahr, dass der Durchfluss verstopfen könnte.
Die Hindernisse wurden beseitigt.
Doch der Regen hörte nicht auf.
Ab 9:53 Uhr kontrollierte die Feuerwehr regelmäßig die Wasserstände an mehreren Brücken in der Innenstadt. Der Simbach stieg kontinuierlich.
Um 10:41 Uhr erreichte der Pegel 1,80 Meter. Die Feuerwehr löste Zugalarm aus, auch das Technische Hilfswerk wurde eingebunden. Gleichzeitig begann sich ein Krisenstab aus Feuerwehr, THW und Bürgermeister auf eine mögliche Überflutung vorzubereiten.
Nur etwas mehr als eine halbe Stunde später war der Wasserstand bereits weiter gestiegen.
Um 11:17 Uhr wurden zwei Meter erreicht. Weitere Feuerwehren wurden alarmiert. Sandsäcke wurden gefüllt und verteilt, Straßen vorsorglich gesperrt.
Noch versuchte man, sich auf ein Hochwasser vorzubereiten.
Doch das, was nun auf Simbach zukam, überstieg sämtliche bisherigen Erfahrungen.
Der kleine Simbach wird zum reißenden Strom
Gegen Mittag verschärfte sich die Situation dramatisch.
Der Simbach entwässert ein vergleichsweise kleines Einzugsgebiet von etwa 36 Quadratkilometern. Mehrere Bäche aus den nördlich gelegenen Höhen vereinigen sich kurz vor der Innenstadt.
Normalerweise erscheint das Gewässer an vielen Stellen eher unscheinbar.
Am 1. Juni 2016 aber strömten aus praktisch dem gesamten Einzugsgebiet gleichzeitig gewaltige Wassermengen in Richtung Stadt.
Ab ungefähr 12:30 Uhr trat der Simbach in der Innenstadt über seine Ufer. Straßen, Keller und Tiefgaragen liefen voll.
Doch oberhalb der Stadt entwickelte sich gleichzeitig ein weiteres Problem.
Der Straßendamm an der Schulstraße

Am Straßendamm beim Schulzentrum konnte der vorhandene Durchlass die gewaltigen Wassermengen nicht mehr aufnehmen.
Treibholz und anderes Material verschärften die Situation zusätzlich.
Hinter dem Straßendamm begann sich das Wasser aufzustauen. Innerhalb kurzer Zeit entstand oberhalb des Dammes ein großer, ungeplanter Stausee.
Der Wasserspiegel stieg weiter.
Schließlich wurde der Straßendamm überströmt. Das Wasser begann, den massiven Erd- und Straßenkörper zu erodieren.
Dann versagte der Damm.
Gegen 13:45 Uhr brach er auf einer Länge von mehreren Dutzend Metern. Die zuvor zurückgehaltenen Wassermassen wurden schlagartig freigesetzt.
Eine gewaltige braune Flut aus Wasser, Schlamm, Holz, Geröll und Trümmern schoss weiter in Richtung Simbach.
Spätere Untersuchungen zeigten allerdings einen wichtigen Punkt: Der Dammbruch war nicht die eigentliche Ursache der Hochwasserkatastrophe. Er verstärkte die bereits vorhandene Hochwasserwelle erheblich, doch auch ohne das Versagen des Straßendammes wäre Simbach schwer überflutet worden. Dafür waren die Wassermengen schlicht zu groß.
Die Flut trifft Simbach
Nun überschlugen sich die Ereignisse.
Die Wassermassen erreichten mit enormer Geschwindigkeit die tiefer gelegenen Teile der Stadt. Das Wasser war längst keine gewöhnliche Überschwemmung mehr. Es führte Baumstämme, Schlamm, Geröll, Fahrzeuge und Trümmer mit sich.
Autos wurden von der Straße gerissen und gegeneinander geschoben. Keller und Erdgeschosse liefen innerhalb kürzester Zeit voll. An manchen Stellen blieb den Bewohnern nur wenig Zeit zur Flucht.
Die Bundesstraße 12 wurde vollständig überschwemmt. Fahrzeuge verschwanden teilweise unter den Wassermassen.
Auch die Hochwasserschutzanlagen entlang des Simbachs waren diesem Ereignis nicht gewachsen. Ein weiterer Deich an der Wilhelm-Dieß-Straße wurde überströmt und brach.
Gleichzeitig sorgten Baumstämme und anderes Treibgut an mehreren Stellen für Verklausungen. Das Wasser suchte sich immer neue Wege durch die Stadt.
5,06 Meter
Am Pegel in Simbach erreichte das Wasser schließlich einen Wert, den zuvor niemand für möglich gehalten hatte.
Das Bachgerinne ist dort ungefähr drei Meter tief.
Am Nachmittag des 1. Juni wurde jedoch ein maximaler Wasserstand von 5,06 Metern registriert.
Die Abflussspitze wird heute auf ungefähr 280 bis 300 Kubikmeter Wasser pro Sekunde geschätzt.
Zum Vergleich: Das Gerinne des Simbachs war im Ortsbereich auf einen Bemessungsabfluss von etwa 60 Kubikmetern pro Sekunde zuzüglich Freibord ausgelegt.
Es floss zeitweise also ein Vielfaches jener Wassermenge durch die Stadt, für die das Gerinne ausgelegt war.
Die spätere wissenschaftliche Untersuchung stufte das Ereignis als ein Hochwasser von mehr als HQ1000 ein – statistisch also extremer als ein sogenanntes tausendjährliches Hochwasser.
Ausgerechnet der Inn führte kein Hochwasser
Eine besondere Ironie der Katastrophe bestand darin, dass ausgerechnet der große Inn an diesem Tag nicht das eigentliche Problem war.
Die Katastrophe wurde durch kleine Bäche und durch Oberflächenwasser ausgelöst.
Doch die Nähe zum Inn verschärfte die Situation dennoch.
Hinter den Stauhaltungsdämmen entlang des Inns sammelten sich in den Poldern Simbach und Erlach insgesamt mehr als zwei Millionen Kubikmeter Wasser.
Die vorhandenen Schöpfwerke waren für derartige Wassermengen nicht ausgelegt. Um die überfluteten Gebiete schließlich entlasten zu können, musste der Stauhaltungsdamm an einer Stelle provisorisch geöffnet werden.
Eine Stadt unter Wasser

Für viele Einwohner ging nun alles innerhalb weniger Minuten.
Menschen flüchteten in obere Stockwerke. Andere wurden von Einsatzkräften mit Booten oder Hubschraubern gerettet. Rettungsschwimmer bewegten sich teilweise schwimmend durch Straßen, die wenige Stunden zuvor noch völlig normal befahrbar gewesen waren.
Hunderte Gebäude wurden überflutet.
Zurück blieb eine Stadt, die an vielen Stellen kaum wiederzuerkennen war: zerstörte Autos, herausgerissene Türen und Fenster, beschädigte Häuser, entwurzelte Bäume und meterhohe Berge aus Schlamm, Holz und zerstörtem Hausrat.
Sieben Menschen sterben
Die schwerste Bilanz der Katastrophe waren jedoch nicht die materiellen Schäden.
Im Landkreis Rottal-Inn verloren insgesamt sieben Menschen ihr Leben.
Allein in Simbach starben fünf Menschen. Weitere Todesopfer gab es in Julbach und Triftern.
Viele Menschen wurden von der Geschwindigkeit überrascht, mit der das Wasser kam. Zwischen einer bedrohlichen Hochwasserlage und einer lebensgefährlichen Sturzflut lagen teilweise nur Minuten.
Das Ausmaß der Zerstörung
Erst nachdem das Wasser langsam zurückging, wurde das ganze Ausmaß sichtbar.
Mehr als 5.000 Haushalte waren von der Katastrophe betroffen. Hunderte Gebäude wurden schwer beschädigt. Straßen, Brücken, Geschäfte und öffentliche Einrichtungen waren zerstört oder verschlammt.
Für Niederbayern – mit Schwerpunkt im Landkreis Rottal-Inn – wurden die Gesamtschäden später auf mehr als 1,25 Milliarden Euro geschätzt.
Was folgte, war einer der größten Hilfseinsätze, die die Region bis dahin erlebt hatte.
Feuerwehren aus ganz Bayern rückten nach Simbach aus. Unterstützung kam auch aus Österreich. THW, Polizei, Rettungsdienste, Wasserrettung und später die Bundeswehr beteiligten sich an den Arbeiten.
Allein bei den Feuerwehren summierte sich der Einsatz im Zusammenhang mit der Katastrophe bis zum 24. Juni auf rund 8.600 Helfertage von 396 Feuerwehren. Hinzu kamen Tausende weitere Einsätze beziehungsweise Helfertage von THW, Polizei, Rettungsdiensten und Bundeswehr.
Und neben den professionellen Einsatzkräften kamen unzählige freiwillige Helfer.
Sie schaufelten Schlamm aus Häusern, räumten zerstörte Möbel auf die Straßen, versorgten Betroffene und halfen dabei, eine Stadt wieder bewohnbar zu machen.
Warum war die Katastrophe so extrem?
Nach dem Hochwasser wurde intensiv untersucht, wie es zu einer derart gewaltigen Flut kommen konnte.
Das Bayerische Landesamt für Umwelt beauftragte dafür die Universität für Bodenkultur Wien. Für die Rekonstruktion wurden unter anderem 1.990 Fotos, 78 Videos, 254 dokumentierte Wasserstände und 61 Augenzeugenbefragungen ausgewertet.
Das Ergebnis zeigte, dass nicht eine einzelne Ursache verantwortlich war.
Mehrere außergewöhnlich ungünstige Faktoren kamen gleichzeitig zusammen:
Die Böden waren bereits mit Wasser gesättigt. Innerhalb kurzer Zeit fielen enorme Niederschlagsmengen. Die Starkregenzelle blieb ungewöhnlich lange über demselben Gebiet. Zudem bewegte sie sich teilweise entlang der Fließrichtung des Wassers auf Simbach zu.
Dadurch konzentrierten sich die Wassermassen extrem schnell.
Hinzu kamen große Mengen an Holz und Geröll, Verklausungen sowie der später versagende Straßendamm.
Das Ergebnis war ein Hochwasser, dessen Dimension sämtliche bisherigen Erfahrungen in Simbach übertraf.
Eine Katastrophe, die Simbach veränderte
Der 1. Juni 2016 war für Simbach am Inn eine Zäsur.
Die Katastrophe zeigte auf drastische Weise, dass nicht nur große Flüsse eine Hochwassergefahr darstellen. Gerade kleine Bäche können bei extremem Starkregen innerhalb kürzester Zeit zu reißenden Strömen werden.
Und sie zeigte ein weiteres Problem: Sturzfluten lassen oftmals kaum Vorbereitungszeit.
Während sich klassische Flusshochwasser teilweise über Stunden oder Tage ankündigen, können kleine Einzugsgebiete extrem schnell reagieren. Genau das geschah in Simbach.
Nach der Katastrophe wurden die Ereignisse deshalb nicht nur aufgearbeitet, sondern auch umfangreiche Maßnahmen für einen verbesserten Hochwasserschutz eingeleitet.
Doch keine Statistik und keine Schadenssumme kann vollständig beschreiben, was die Menschen an diesem 1. Juni erlebt haben.
Aus einem gewöhnlichen Mittwoch wurde innerhalb weniger Stunden eine Katastrophe. Ein kleiner Bach wurde zu einem mehrere Meter tiefen, reißenden Strom. Häuser, Fahrzeuge und ganze Existenzen wurden zerstört.
Sieben Menschen verloren im Landkreis Rottal-Inn ihr Leben.
Und Simbach am Inn hatte innerhalb eines einzigen Nachmittags ein anderes Gesicht bekommen.
Der 1. Juni 2016 gehört seitdem zu den dunkelsten Tagen in der Geschichte der Stadt.


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