Münchens Schwarzer Samstag

Münchens Schwarzer Samstag

Der 17. Dezember 1960 war ein kalter, nebliger Samstag in München. Die Innenstadt war voller Menschen, denn es war der letzte verkaufsoffene Samstag vor Weihnachten. Viele Münchner waren unterwegs, um Geschenke zu kaufen oder Besorgungen zu erledigen. Doch gegen 14 Uhr verwandelte sich dieser gewöhnliche Wintertag innerhalb weniger Minuten in eine der größten Katastrophen der Münchner Nachkriegsgeschichte.

Eine amerikanische Militärmaschine stürzte mitten in der Stadt ab – direkt auf eine Straßenbahn. Insgesamt 52 Menschen verloren ihr Leben, zahlreiche weitere wurden verletzt.


Der Start am Flughafen München-Riem

Um 14:05 Uhr startete eine zweimotorige Convair CV-340/C-131D der US-Air-Force vom damaligen Flughafen München-Riem. Ziel des Fluges war die britische Luftwaffenbasis RAF Northolt bei London.

An Bord befanden sich 20 Menschen – sieben Besatzungsmitglieder und 13 Passagiere. Unter den Passagieren waren auch amerikanische Studenten, die kurz vor Weihnachten nach Hause reisen wollten.

Die Maschine war nahezu vollgetankt – mit mehreren tausend Litern Flugbenzin. Warum sie mit so viel Treibstoff gestartet war, blieb später ungeklärt. Diese große Treibstoffmenge sollte jedoch eine entscheidende Rolle für die verheerenden Folgen des Unglücks spielen.

Über München lag an diesem Nachmittag dichter Nebel. Die Sicht war schlecht, in etwa 30 bis 45 Metern Höhe befand sich eine geschlossene Nebelschicht.


Der Motorausfall kurz nach dem Start

Nur etwa zwei Minuten nach dem Start trat ein schweres Problem auf: Einer der beiden Kolbenmotoren fiel aus. Dadurch verlor das Flugzeug an Leistung und konnte kaum noch Höhe gewinnen.

Der Pilot meldete sofort einen Notfall an den Kontrollturm und kündigte an, zum Flughafen Riem zurückzukehren. Der Plan war, eine große Schleife über die Stadt zu fliegen und anschließend eine Notlandung zu versuchen.

Doch die Maschine befand sich bereits über dicht besiedeltem Stadtgebiet – ein enormes Risiko.


Kollision mit der Paulskirche

Während das Flugzeug im Nebel über die Münchner Innenstadt flog, näherte es sich der St.-Pauls-Kirche am Rand der Theresienwiese. Der Hauptturm der Kirche ragt rund 97 Meter hoch in den Himmel.

Im dichten Nebel erkannten die Piloten das Hindernis offenbar zu spät. Die Maschine streifte mit der Tragfläche die Turmspitze der Kirche.

Die Folgen waren dramatisch:

  • Die Turmspitze wurde beschädigt
  • ein Teil der Tragfläche brach ab
  • das Flugzeug verlor endgültig die Kontrolle

Die beschädigte Maschine geriet ins Trudeln und wurde mehrere hundert Meter abgelenkt.


Absturz auf eine Straßenbahn

Wenige Sekunden später stürzte das Flugzeug auf die Kreuzung Bayerstraße / Martin-Greif-Straße – nur wenige hundert Meter von der Theresienwiese entfernt.

Genau in diesem Moment fuhr dort eine voll besetzte Straßenbahn der Linie 10.

Der hintere Wagen der Tram wurde direkt von den Trümmern getroffen. Der linke Motor der Maschine schleuderte gegen den Wagen, während das Flugzeugwrack auf der Straße zerschellte.

Durch den Aufprall liefen große Mengen Treibstoff aus. Der Kraftstoff entzündete sich sofort – vermutlich durch Funken aus den Oberleitungen der Straßenbahn.

Innerhalb von Sekunden entstand ein riesiges Flammeninferno.


Ein Inferno mitten in der Stadt

Augenzeugen berichteten später von einer gewaltigen Explosion und einer hohen Feuerwolke.

Der brennende Treibstoff setzte die Straßenbahn, mehrere Fahrzeuge und Teile der Umgebung in Brand. Viele Menschen hatten keine Chance zu entkommen.

Die Bilanz war erschütternd:

  • 20 Tote im Flugzeug
  • 27 Fahrgäste der Straßenbahn
  • 5 Passanten auf der Straße

Insgesamt 52 Menschen starben, weitere 20 wurden verletzt.

Viele Opfer konnten erst später identifiziert werden, da das Feuer enorme Temperaturen erreichte.


Der Großeinsatz der Feuerwehr

Nur wenige Minuten nach der Explosion trafen Polizei und Feuerwehr ein. Zunächst war unklar, was überhaupt passiert war. Einige Funkmeldungen sprachen zunächst von einer brennenden Straßenbahn oder einer Explosion.

Doch schnell wurde klar, dass ein Flugzeug abgestürzt war.

Die Feuerwehr München löschte die Flammen innerhalb von etwa 30 Minuten, doch für viele Opfer kam jede Hilfe zu spät.

Die Unfallstelle zog schnell Hunderte Schaulustige an, die teilweise von der Polizei zurückgedrängt werden mussten.


Die Ursache des Unglücks

Die spätere Untersuchung ergab, dass sich Wasser in einer Kraftstoffpumpe angesammelt hatte. Dadurch fiel der Motor kurz nach dem Start aus.

Mit nur einem funktionierenden Motor konnte das Flugzeug nicht mehr genügend Höhe gewinnen, um sicher über die Stadt zu fliegen.


Folgen für München

Die Katastrophe löste eine intensive Diskussion über den Standort des Flughafens München-Riem aus. Der Flughafen lag damals sehr nahe an der Stadt, weshalb Flugzeuge direkt über dicht besiedelte Gebiete starteten und landeten.

Nach dem Unglück wurden neue Flugverfahren eingeführt, um Überflüge über die Innenstadt zu vermeiden.

Langfristig trug die Katastrophe auch zur Entscheidung bei, einen neuen Flughafen außerhalb der Stadt zu bauen. Dieser wurde schließlich 1992 im Erdinger Moos eröffnet.


Erinnerung an die Opfer

Bereits 1961 wurde an der Absturzstelle eine Gedenktafel angebracht. Sie erinnert bis heute an die 52 Menschen, die an diesem Dezembertag ihr Leben verloren.

Das Unglück gilt bis heute als eine der schwersten Flugkatastrophen in der Geschichte Münchens – und als tragische Erinnerung daran, welche Risiken der Flugverkehr einst für eine wachsende Großstadt bedeutete.

Der 17. Dezember 1960 ging daher als „schwarzer Samstag von München“ in die Stadtgeschichte ein.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert