Über mehr als ein Jahrhundert gehörte die Tengelmann-Gruppe zu den bedeutendsten Handelsunternehmen Deutschlands. Aus einem kleinen Kolonialwarenladen im Ruhrgebiet entwickelte sich ein international tätiger Handelskonzern mit Supermärkten, Discountern und Beteiligungen in vielen Ländern. Besonders prägend war dabei die Entwicklung der Supermarktketten Tengelmann und Kaiser’s, die später unter dem Namen Kaiser’s Tengelmann bekannt wurden. Ihr Ende als eigenständige Supermarktkette kam erst im Jahr 2016 nach einem jahrelangen Übernahmekampf.
Die Anfänge: Ein Kolonialwarenladen im Ruhrgebiet (1867)
Die Wurzeln der Tengelmann-Gruppe reichen bis ins Jahr 1867 zurück. In diesem Jahr eröffnete Wilhelm Schmitz-Scholl in Mülheim an der Ruhr einen kleinen Laden für Kolonialwaren und Lebensmittel.
Damals verkaufte man Produkte wie Kaffee, Zucker, Gewürze oder Reis – Waren, die oft aus Übersee importiert wurden und deshalb als „Kolonialwaren“ bezeichnet wurden.
Der Laden entwickelte sich überraschend erfolgreich. Schon bald entstanden weitere Filialen im Ruhrgebiet. Das Geschäft wurde unter dem Namen Tengelmann bekannt und wuchs kontinuierlich.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Unternehmen bereits eine der größeren Lebensmittelketten im westlichen Deutschland. Besonders früh setzte Tengelmann auf ein Filialsystem – ein Konzept, das im deutschen Einzelhandel damals noch relativ neu war.
Das zweite große Handelsunternehmen: Kaiser’s Kaffee-Geschäft (1880)
Während Tengelmann im Ruhrgebiet expandierte, entstand am Niederrhein ein weiteres bedeutendes Handelsunternehmen.
Im Jahr 1880 gründete der Kaufmann Josef Kaiser in Viersen ein Geschäft für Kaffee, Tee und Kolonialwaren. Dieses Unternehmen trug den Namen Kaiser’s Kaffee-Geschäft.
Kaffee war damals ein Luxusprodukt, und spezialisierte Geschäfte hatten großen Erfolg. Kaiser’s setzte früh auf eine klare Markenstrategie und eröffnete zahlreiche Filialen in deutschen Städten.
Bis in die 1920er-Jahre entwickelte sich Kaiser’s zu einer der größten Lebensmittelketten Deutschlands. Besonders stark vertreten war das Unternehmen in:
- Berlin
- dem Rheinland
- großen Städten Norddeutschlands
Die Filialen waren für ihre einheitliche Gestaltung und ihr großes Kaffeeangebot bekannt.
Wachstum und Wandel im 20. Jahrhundert
Im Laufe des 20. Jahrhunderts veränderte sich der Lebensmittelhandel stark. Kleine Spezialgeschäfte wurden zunehmend von größeren Selbstbedienungsläden und später von Supermärkten ersetzt.
Sowohl Tengelmann als auch Kaiser’s passten sich dieser Entwicklung an:
- Einführung von Selbstbedienungsläden in den 1950er-Jahren
- Ausbau großer Supermärkte
- Modernisierung der Filialstrukturen
Tengelmann entwickelte sich dabei immer stärker zu einem Handelskonzern mit unterschiedlichen Geschäftszweigen.
Die Übernahme von Kaiser’s durch Tengelmann (1971)
Ein entscheidender Schritt erfolgte im Jahr 1971. In diesem Jahr übernahm die Tengelmann-Gruppe die Mehrheit am Unternehmen Kaiser’s Kaffee-Geschäft.
Mit dieser Übernahme entstand eines der größten Lebensmittelhandelsunternehmen Deutschlands.
In den folgenden Jahren wurden viele Kaiser’s-Filialen modernisiert und zunehmend in das Tengelmann-Netz integriert. In einigen Regionen trat das Unternehmen weiterhin unter dem Namen Kaiser’s auf, während in anderen Gebieten Tengelmann als Marke genutzt wurde.
Später wurden viele Märkte unter dem gemeinsamen Namen Kaiser’s Tengelmann geführt.
Ein internationaler Handelskonzern
In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte sich die Tengelmann-Gruppe zu einem breit aufgestellten Handelsunternehmen.
Der Konzern investierte in verschiedene Handelsformate, darunter:
- Supermärkte
- Discountmärkte
- Baumärkte
- internationale Beteiligungen
Besonders erfolgreich war die Expansion im Discountbereich. Tengelmann war unter anderem an der Entwicklung mehrerer Discountketten beteiligt und expandierte in zahlreiche Länder.
Der Konzern blieb dabei ein Familienunternehmen. Über Generationen hinweg wurde er von der Unternehmerfamilie Schmitz-Scholl geführt.
Die schwierigen Jahre der Supermärkte
Ab den 1990er-Jahren gerieten klassische Supermarktketten zunehmend unter Druck. Der Wettbewerb im deutschen Lebensmittelhandel wurde immer härter.
Besonders die großen Discounter wie Aldi und Lidl gewannen stark an Marktanteilen. Gleichzeitig expandierten große Supermarktketten aggressiv.
Die Supermärkte von Kaiser’s Tengelmann hatten in vielen Regionen Schwierigkeiten:
- vergleichsweise hohe Preise
- kleinere Verkaufsflächen
- starke Konkurrenz durch Discounter
Trotz Modernisierungsversuchen gelang es dem Unternehmen nicht mehr, dauerhaft profitabel zu arbeiten.
Der Versuch, Kaiser’s Tengelmann zu verkaufen
Im Jahr 2014 kündigte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub an, die rund 450 Supermärkte von Kaiser’s Tengelmann verkaufen zu wollen.
Als Käufer trat die große deutsche Supermarktkette EDEKA auf. Die geplante Übernahme löste jedoch einen jahrelangen Streit aus.
Das Bundeskartellamt blockierte zunächst den Verkauf, weil es eine zu starke Marktkonzentration im deutschen Lebensmittelhandel befürchtete.
Es folgten:
- Gerichtsverfahren
- politische Diskussionen
- Proteste von Konkurrenten und Gewerkschaften
Der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel erteilte schließlich eine sogenannte Ministererlaubnis, die den Verkauf ausnahmsweise erlaubte – vor allem mit der Begründung, Arbeitsplätze zu sichern.
Das Ende von Kaiser’s Tengelmann (2016)
Nach weiteren juristischen Auseinandersetzungen einigten sich schließlich mehrere Handelskonzerne auf eine Lösung.
Im Jahr 2016 wurde entschieden:
- Ein Teil der Filialen geht an EDEKA
- Ein anderer Teil wird von REWE übernommen
- einige Märkte werden geschlossen oder verkauft
Damit verschwand die traditionsreiche Supermarktkette Kaiser’s Tengelmann endgültig aus dem deutschen Einzelhandel.
Viele Filialen wurden anschließend umgebaut und unter neuen Namen weitergeführt.
Tengelmann heute
Auch wenn die Supermärkte verschwunden sind, existiert die Tengelmann-Gruppe weiterhin.
Heute konzentriert sich das Unternehmen vor allem auf:
- Beteiligungen an Handels- und Technologieunternehmen
- Immobilien
- internationale Investitionen
Damit hat sich der Konzern von einem klassischen Lebensmittelhändler zu einer modernen Beteiligungsgesellschaft entwickelt.
Eine Handelsgeschichte über mehr als 150 Jahre
Die Geschichte der Tengelmann-Gruppe spiegelt die Entwicklung des deutschen Einzelhandels wider:
- vom Kolonialwarenladen
- über große Filialketten
- bis zum modernen Supermarkt
Über mehr als 150 Jahre prägten Tengelmann und Kaiser’s den Alltag vieler deutscher Städte. Auch wenn die Supermärkte heute verschwunden sind, bleibt ihre Geschichte ein bedeutendes Kapitel der deutschen Handelsgeschichte.


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