Die Geschichte der Götzen-Gruppe begann bereits im Jahr 1930. Damals übernahm Peter Götzen in Krefeld-Uerdingen ein Kolonialwarengeschäft und entwickelte daraus innerhalb weniger Jahre eine bedeutende Großhandlung für den gesamten Niederrhein. Nach der Verlegung des Firmensitzes nach Duisburg-Rheinhausen belieferte das Unternehmen zahlreiche Einzelhändler der Region.

Der Einstieg in den Einzelhandel

Mit der Übernahme durch Bernhard F. Kochannek im Jahr 1962 begann eine neue Ära. Während das Unternehmen zuvor hauptsächlich als Großhändler tätig war, öffnete Kochannek das Geschäft zunehmend für Privatkunden. Bereits 1965 entstanden die ersten Supermärkte, 1970 folgte das erste SB-Warenhaus.

In den folgenden Jahren entwickelte sich Götzen zu einer festen Größe im regionalen Lebensmittelhandel. Doch Kochannek dachte größer: 1973 eröffnete die erste Parfümerie in Mülheim an der Ruhr. Fünf Jahre später wagte das Unternehmen mit einem völlig neuen Konzept den Einstieg in den Baumarktsektor.

Der Aufstieg zum Baumarkt-Pionier

1978 eröffnete in Moers der erste Götzen-Baumarkt nach amerikanischem Vorbild. Mit einer Verkaufsfläche von 2.100 Quadratmetern war er für damalige Verhältnisse modern und innovativ. Das Konzept erwies sich als voller Erfolg. Innerhalb von zehn Jahren entstanden zahlreiche weitere Standorte, sodass 1988 bereits der zehnte Baumarkt eröffnet werden konnte.

Im selben Jahr führte die Götzen-Gruppe ein neuartiges Franchise- und Kooperationsmodell ein. Selbstständige Händler konnten ihren bisherigen Namen behalten und gleichzeitig auf das Sortiment und die Einkaufsvorteile von Götzen zurückgreifen. Dieses Modell galt damals als wegweisend und machte das Unternehmen zu einem der Pioniere im deutschen Handelsfranchising.

Die Wiedervereinigung als Wachstumsmotor

Den entscheidenden Durchbruch erlebte die Götzen-Gruppe nach dem Fall der Berliner Mauer. Bereits am 19. März 1990, nur einen Tag nach den ersten freien Wahlen in der DDR, eröffnete das Unternehmen bei Potsdam einen der ersten westdeutschen Baumärkte in Ostdeutschland.

Was folgte, war eine beispiellose Expansion. Während Götzen im Ruhrgebiet weiterhin Supermärkte, Warenhäuser und Parfümerien betrieb, konzentrierte man sich in den neuen Bundesländern ausschließlich auf Baumärkte. Die Strategie ging zunächst auf:

  • 1993 überschritt der Umsatz erstmals die Marke von 1 Milliarde DM.
  • 1994 wurde der 100. Baumarkt eröffnet.
  • 1995 existierten bereits 125 Baumärkte.
  • Der Umsatz stieg auf rund 1,5 Milliarden DM.

Mehr als zwei Drittel der Märkte befanden sich inzwischen in Ostdeutschland. Darüber hinaus expandierte das Unternehmen nach Griechenland, Tschechien und in die Türkei. Damit entwickelte sich Götzen zum größten Baumarktbetreiber in Ostdeutschland und zum am schnellsten wachsenden Handelsunternehmen des Landes.

Die ersten Warnsignale

Hinter den beeindruckenden Wachstumszahlen verbargen sich jedoch zunehmend finanzielle Probleme. Die enorme Expansion verschlang hohe Summen, während gleichzeitig zahlreiche neue Standorte ohne ausreichende Standortanalysen eröffnet wurden.

Um Kapital freizusetzen, verkaufte die Gruppe schrittweise ihre anderen Geschäftsbereiche. Die Parfümeriesparte wurde 1995 veräußert. Im Mai 1996 folgte der Verkauf von 26 Supermärkten und zwei SB-Warenhäusern an die EDEKA. Offiziell sollte dadurch die Konzentration auf das Baumarktgeschäft ermöglicht werden.

Gleichzeitig mehrten sich Gerüchte über finanzielle Schwierigkeiten. Lieferanten berichteten von verspäteten Zahlungen, Banken wurden zunehmend vorsichtig, und wichtige Sponsoringengagements – unter anderem beim MSV Duisburg – wurden beendet.

Der Zusammenbruch

1997 verschärfte sich die Lage dramatisch. Lieferanten verhängten Lieferstopps, Mitarbeiter erhielten ihre Löhne verspätet und die Verhandlungen mit Banken gestalteten sich immer schwieriger. Kochannek machte hierfür verspätete Geschäftsberichte und zurückgezogene Kreditzusagen verantwortlich.

Zu diesem Zeitpunkt betrieb die Götzen-Gruppe rund 150 Baumärkte in Deutschland und mehreren europäischen Ländern. Doch die finanzielle Belastung war inzwischen zu groß geworden. Die Schulden beliefen sich auf über 350 Millionen DM.

Anfang 1998 schien eine Rettung durch die REWE möglich. Doch die Verhandlungen scheiterten nach monatelangen Auseinandersetzungen. Lediglich 22 Märkte konnten zunächst verkauft werden.

Am 12. Februar 1998 musste die Götzen-Gruppe schließlich Insolvenz anmelden. Trotz verschiedener Übernahmeversuche konnten nur Teile des Filialnetzes gerettet werden. REWE übernahm später insgesamt 52 Märkte, viele weitere Standorte wurden verkauft oder geschlossen.

Ursachen und Nachwirkungen

Als Hauptursache für den Niedergang gilt heute die überhastete Expansion nach Ostdeutschland und Osteuropa. Zahlreiche Standorte wurden ohne ausreichende Marktanalysen eröffnet, während die Finanzierung zunehmend auf wackeligen Beinen stand.

2001 wurde Bernhard F. Kochannek wegen Steuerhinterziehung zu einer Freiheitsstrafe von 21 Monaten verurteilt.

Noch einmal versuchte die neu gegründete Unger GmbH aus Duisburg, die Marke Götzen wiederzubeleben. Ehemalige Franchise-Märkte wurden übernommen und neue Standorte eröffnet. Doch auch dieser Versuch scheiterte: Bereits Ende 2001 musste die Gesellschaft ebenfalls Insolvenz anmelden.

Das Erbe der Götzen-Baumärkte

Obwohl die Götzen-Gruppe seit Jahrzehnten verschwunden ist, lassen sich viele ehemalige Standorte noch heute erkennen. Besonders die charakteristische Eingangsgestaltung vieler Märkte gilt bis heute als typisches Erkennungsmerkmal ehemaliger Götzen-Baumärkte.

Die Geschichte der Götzen-Gruppe bleibt damit ein außergewöhnliches Kapitel der deutschen Handelsgeschichte: der Aufstieg eines regionalen Familienunternehmens zum Marktführer in Ostdeutschland – und der ebenso spektakuläre Absturz durch eine Expansion, die letztlich zu schnell und zu groß wurde.


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