Heute gehört die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück zu den bedeutendsten Erinnerungsorten an die nationalsozialistischen Verbrechen in Deutschland. Anfang der 1990er-Jahre sorgte das Gelände jedoch aus einem ganz anderen Grund für internationale Schlagzeilen: Unweit des ehemaligen Konzentrationslagers entstand ein fast fertiggestellter Kaiser’s-Supermarkt.

Was zunächst als Zeichen des wirtschaftlichen Aufbruchs nach der Wiedervereinigung gedacht war, entwickelte sich innerhalb weniger Wochen zu einem heftigen Streit über den Umgang mit der Vergangenheit.

Das Konzentrationslager Ravensbrück

Die Geschichte des Ortes beginnt lange vor dem Supermarkt. 1938 ließ die SS bei Ravensbrück, unmittelbar neben der Stadt Fürstenberg an der Havel, ein neues Konzentrationslager errichten. Im Frühjahr 1939 trafen die ersten größeren Häftlingstransporte ein.

Ravensbrück entwickelte sich zum größten Konzentrationslager für Frauen im Deutschen Reich. Frauen aus zahlreichen europäischen Ländern wurden hier inhaftiert – darunter politische Gegnerinnen des NS-Regimes, Jüdinnen, Sinti und Roma, Zeuginnen Jehovas sowie Menschen, die von den Nationalsozialisten aus anderen Gründen verfolgt wurden.

Die Gefangenen mussten unter katastrophalen Bedingungen leben und Zwangsarbeit leisten. Unternehmen profitierten von ihrer Arbeitskraft, außerdem unterhielt unter anderem Siemens Produktionsstätten in unmittelbarer Nähe des Lagers.

Ravensbrück wurde zugleich zum Ort schwerster Verbrechen. Gefangene wurden misshandelt, medizinischen Experimenten unterzogen und ermordet. Hunger, Krankheiten, körperliche Erschöpfung und die katastrophalen Lebensbedingungen forderten ebenfalls zahlreiche Opfer.

Insgesamt wurden zwischen 1939 und 1945 etwa 120.000 Frauen und Kinder, 20.000 Männer sowie rund 1.200 weibliche Jugendliche als Häftlinge registriert. Nach heutigem Forschungsstand kamen mindestens 28.000 Menschen im Lagerkomplex Ravensbrück ums Leben.

Im Frühjahr 1945 begann die SS angesichts der näher rückenden Roten Armee mit der Räumung des Lagers. Tausende Gefangene wurden auf Todesmärsche getrieben. Ende April 1945 erreichten sowjetische Truppen Ravensbrück.

Doch damit begann für das Gelände eine neue Geschichte.

Ravensbrück während der DDR

Nach Kriegsende übernahm die sowjetische Armee große Teile des ehemaligen Lagerkomplexes. Ausgerechnet das historische Gelände, auf dem sich wenige Monate zuvor eines der größten Frauenkonzentrationslager Europas befunden hatte, wurde nun zu einem militärischen Standort.

Weite Teile waren für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Gebäude wurden von den sowjetischen Streitkräften genutzt, verändert oder teilweise überbaut. Die militärische Nutzung dauerte weit über das Ende der DDR hinaus an und endete vollständig erst mit dem Abzug der sowjetischen beziehungsweise russischen Truppen in den 1990er-Jahren.

Trotzdem entstand bereits zu DDR-Zeiten ein bedeutender Erinnerungsort.

1959 eröffnete am Ufer des Schwedtsees die Nationale Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Sie gehörte neben Buchenwald und Sachsenhausen zu den großen nationalen KZ-Gedenkstätten der DDR.

Allerdings umfasste die eigentliche Gedenkstätte nur einen vergleichsweise kleinen Teil des historischen Lagerkomplexes. Große Flächen blieben sowjetisches Militärgebiet. Die Gedenkstätte entstand außerhalb der historischen Lagermauer auf einer Fläche von nur wenigen Hektar.

Auch die Darstellung der Geschichte war von der staatlichen Erinnerungspolitik der DDR geprägt. Im Mittelpunkt stand vor allem der antifaschistische Widerstand. Andere Opfergruppen und Verfolgungsgeschichten erhielten deutlich weniger Aufmerksamkeit.

Für viele Einwohner Fürstenbergs entstand dadurch über Jahrzehnte eine besondere Situation: Ravensbrück war einerseits ein staatlich gepflegter Gedenkort, andererseits gehörten sowjetische Soldaten und militärische Sperrgebiete zum Alltag.

Genau diese Erfahrungen spielten wenige Jahre später beim Streit um den Supermarkt eine entscheidende Rolle.

Die Wiedervereinigung verändert alles

Mit dem Ende der DDR 1989 und der deutschen Wiedervereinigung 1990 veränderte sich auch Fürstenberg grundlegend.

Wie in vielen ostdeutschen Städten herrschte Aufbruchsstimmung, gleichzeitig aber große wirtschaftliche Unsicherheit. Arbeitsplätze verschwanden, Betriebe wurden geschlossen und westdeutsche Unternehmen begannen, neue Standorte in den ehemaligen DDR-Bezirken zu erschließen.

Moderne Supermärkte galten vielerorts als sichtbares Zeichen dieser neuen Zeit.

Auch Fürstenberg wollte von dieser Entwicklung profitieren.

Auf einem Gelände in der Nähe der Gedenkstätte Ravensbrück sollte ein Einkaufsstandort entstehen. Einer der wichtigsten Bestandteile war ein neuer Supermarkt der westdeutschen Kette Kaiser’s.

Der Standort befand sich an der Zufahrt zur Gedenkstätte und auf einem Gebiet, das zum historischen Umfeld des ehemaligen Konzentrationslagers gehörte. Teile dieser Flächen waren nach 1945 von sowjetischen Streitkräften genutzt worden.

1991 begannen die Bauarbeiten.

Der neue Markt nahm schnell Gestalt an. Auf rund 3.000 Quadratmetern war das Gelände für Gebäude und Parkplatz vorbereitet worden. Besonders symbolträchtig war die Zufahrt: In unmittelbarer Umgebung befanden sich Straßen und Wege, die noch von KZ-Häftlingen angelegt worden waren.

Zunächst schien das Projekt seinen normalen Lauf zu nehmen.

Doch dann wurde bekannt, wo genau der Supermarkt gebaut wurde.

Internationale Proteste

Im Sommer 1991 entwickelte sich der fast fertiggestellte Kaiser’s-Markt innerhalb weniger Wochen zu einem internationalen Politikum.

Ehemalige Häftlinge, jüdische Organisationen, Verbände der Sinti und Roma sowie weitere Initiativen protestierten gegen das Projekt.

Am 6. Juli 1991 fand eine Demonstration gegen den Supermarkt und weitere Gewerbeansiedlungen im Umfeld der Gedenkstätte statt. Unter den rund 80 Teilnehmern befanden sich auch ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers. Gefordert wurden ein Baustopp und teilweise sogar der Abriss des bereits weitgehend fertiggestellten Gebäudes.

Der damalige Leiter der Gedenkstätte, Eberhard Dentzer, bezeichnete die Bebauung an dieser Stelle als pietätlos und als Verletzung der Würde des Erinnerungsortes.

Der Protest wuchs.

Auch internationale jüdische Organisationen und Überlebendenverbände schalteten sich ein. Selbst Simon Wiesenthal protestierte gegen das Vorhaben. Die Auseinandersetzung wurde inzwischen nicht mehr nur in Deutschland geführt. Zeitungen im Ausland berichteten über den Supermarkt neben Ravensbrück.

Gleichzeitig kamen Fragen auf, ob die Grundstücksgeschäfte und Genehmigungen überhaupt rechtmäßig gewesen waren. Das brandenburgische Kulturministerium erklärte damals, die Stadt habe möglicherweise über Flächen verfügt, die ihr gar nicht gehörten. Zudem wurden Verstöße gegen das Baurecht diskutiert.

Aus einem lokalen Bauprojekt war endgültig ein politischer Skandal geworden.

Doch in Fürstenberg sah man die Sache teilweise anders

Heute erscheint der Widerstand gegen einen Supermarkt auf einem ehemaligen KZ-Gelände möglicherweise selbstverständlich. 1991 war die Situation vor Ort jedoch wesentlich komplizierter.

Ein Teil der Fürstenberger Bevölkerung wollte den Supermarkt unbedingt behalten.

Nach Jahrzehnten der DDR und der sowjetischen Militärpräsenz verbanden viele Menschen mit dem neuen Markt nicht in erster Linie eine Missachtung der Opfer von Ravensbrück. Für sie stand er für etwas vollkommen anderes: wirtschaftlichen Aufbruch, bessere Einkaufsmöglichkeiten und vor allem neue Arbeitsplätze.

Hinzu kam eine besondere Wahrnehmung des Geländes.

Teile des historischen Lagerkomplexes waren jahrzehntelang von sowjetischen Soldaten genutzt worden. Für viele Einwohner war das betreffende Areal deshalb im Alltag weniger als ehemaliges Konzentrationslager präsent, sondern vor allem als ehemaliges sowjetisches Militärgelände.

Historiker haben später darauf hingewiesen, dass genau diese unterschiedlichen Erinnerungen eine wichtige Rolle beim Konflikt spielten. Der Supermarkt konnte von manchen Einwohnern sogar als Symbol dafür verstanden werden, dass Flächen, die jahrzehntelang vom sowjetischen Militär beansprucht worden waren, nun endlich wieder zivil genutzt werden konnten.

Damit prallten zwei vollkommen unterschiedliche Sichtweisen aufeinander.

Für Überlebende und Verfolgtenverbände war der Ort Teil eines riesigen historischen Tatorts, dessen Würde geschützt werden musste.

Für manche Einwohner Fürstenbergs war dieselbe Fläche dagegen vor allem ein ehemaliges Militärgelände, das nach Jahrzehnten endlich wieder für die Stadt genutzt werden sollte.

„Fürstenberg gegen den Rest der Welt“

Als schließlich deutlich wurde, dass der Kaiser’s-Markt möglicherweise niemals eröffnen würde, schlug die Stimmung in Teilen der Stadt um.

Nun demonstrierten nicht mehr nur die Gegner des Supermarktes.

Auch die Befürworter gingen auf die Straße.

Hunderte Einwohner protestierten für die Eröffnung des Marktes und für die damit verbundenen Arbeitsplätze. Zeitgenössische Berichte beschreiben zeitweise rund 600 Bürger, die den Verkehr auf der B96 über Stunden blockierten.

Auf Transparenten wurde sinngemäß gefordert, neben dem Gedenken an die Toten auch an die Zukunft der Lebenden zu denken.

Die Wochenzeitung Die Zeit überschrieb ihren Bericht über die Situation damals bezeichnenderweise mit „Gegen den Rest der Welt“.

Der Konflikt wurde zunehmend emotional. Bei einem Besuch des brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe kam es sogar zu Auseinandersetzungen zwischen Befürwortern und Gegnern des Projekts.

Damit war der Kaiser’s-Markt längst mehr als ein Supermarkt.

Er war zu einem Symbol geworden.

Ein Supermarkt, der niemals Kunden sehen sollte

Im Juli 1991 fiel schließlich die Entscheidung.

Nach den massiven nationalen und internationalen Protesten einigten sich das Land Brandenburg, die Stadt und das Unternehmen darauf, den Kaiser’s-Markt an dieser Stelle nicht zu eröffnen. Für einen Supermarkt sollte ein anderer Standort gefunden werden.

Das Gebäude jedoch war zu diesem Zeitpunkt bereits weitgehend fertiggestellt.

Und so blieb an der Zufahrt zur Gedenkstätte ein nahezu neuer Supermarkt zurück, der niemals als solcher genutzt werden sollte.

Über Jahre stand das Gebäude weitgehend leer.

Erst 2011 – rund zwanzig Jahre nach dem Skandal – wurde der ehemalige Kaiser’s-Markt schließlich abgerissen. Heute erinnert vor Ort kaum noch etwas an das Bauprojekt. Im Lageplan der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück wird der Standort dennoch ausdrücklich als „Supermarkt | 1991–2011“ geführt.

Mehr als nur ein Streit um einen Supermarkt

Die Geschichte des Kaiser’s-Marktes von Fürstenberg ist deshalb weit mehr als eine kuriose Episode der Nachwendezeit.

Sie zeigt, wie unterschiedlich ein und derselbe Ort wahrgenommen werden kann.

Für die Überlebenden von Ravensbrück war das gesamte historische Gelände mit Erinnerungen an Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Gewalt und Tod verbunden. Die Vorstellung, dort einen Supermarkt mit Parkplatz und täglichem Einkaufsverkehr zu betreiben, musste auf viele von ihnen wie eine Entwürdigung des Ortes wirken.

Für einen Teil der Fürstenberger Bevölkerung stand 1991 dagegen eine vollkommen andere Erfahrung im Vordergrund: vier Jahrzehnte DDR, sowjetische Militärpräsenz, wirtschaftlicher Umbruch und die Angst vor Arbeitslosigkeit.

Der Konflikt um den Supermarkt machte sichtbar, wie schwierig der gesellschaftliche Umgang mit ehemaligen Konzentrationslagern nach 1990 werden konnte – insbesondere dort, wo historische Tatorte während der DDR jahrzehntelang überbaut, militärisch genutzt oder für die Bevölkerung überhaupt nicht zugänglich gewesen waren.

Der nie eröffnete Kaiser’s-Markt wurde damit unfreiwillig zu einem Symbol für eine der großen Fragen der Nachwendezeit:

Wie viel Raum darf wirtschaftliche und städtische Entwicklung einnehmen, wenn derselbe Boden gleichzeitig Teil eines historischen Tatortes ist?

In Fürstenberg wurde diese Frage 1991 mit ungewöhnlicher Härte ausgetragen.

Der Supermarkt verschwand schließlich.

Die Diskussion darüber, wie eine Gesellschaft mit solchen Orten umgehen sollte, ist dagegen bis heute aktuell.


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